Stadttheater Pforzheim – Vom Komödienhaus zum Postmodernen Neubau am Enz
Geschichte des Pforzheimer Stadttheaters: Komödienhaus ab 1803, Altes Stadttheater an der Karl-Friedrich-Straße, Nachkriegsprovisorien in Brötzingen und Osterfeld, Neubau 1990 von Bodo Fleischer am Waisenhausplatz.
Inhaltsverzeichnis
Stadttheater Pforzheim
Das Stadttheater Pforzheim ist heute ein Drei-Sparten-Haus für Oper, Schauspiel und Ballett am Waisenhausplatz, unmittelbar an der Enz. Im großen Saal finden 511 Zuschauerinnen und Zuschauer Platz; der sogenannte Kleine Saal Podium fasst 199 Personen. Seit den 1990er Jahren beheimatet das Haus auch die Badische Philharmonie Pforzheim, die aus dem ehemaligen Städtischen Orchester hervorging und Theaterproduktionen sowie eigene Sinfoniekonzerte begleitet.
Die Geschichte des Theaters in Pforzheim reicht jedoch weit über den heutigen Neubau hinaus: Sie beginnt Anfang des 19. Jahrhunderts mit einem Komödienhaus, führt über ein städtisches Theater an der Karl-Friedrich-Straße, jahrzehntelange Provisorien nach dem Zweiten Weltkrieg und endet schließlich mit dem postmodernen Neubau von 1990 – ein Spiegel der städtischen Kulturgeschichte über mehr als 200 Jahre.
Lage – OpenStreetMap-Karte
Das heutige Stadttheater steht am Waisenhausplatz 5 in der Pforzheimer Innenstadt, direkt am Enzufer. In unmittelbarer Nachbarschaft liegen das CongressCentrum Pforzheim und der heute als Bertha-Benz-Platz bezeichnete Vorplatz – beides prägt das kulturelle Zentrum am Fluss.
Frühe Theatergeschichte bis 1888
Bereits 1803 richtete Pforzheim in der Theaterstraße ein sogenanntes Komödienhaus ein – eine Spielstätte für fahrende Schauspieltruppen. An der Ecke zur Zehnthofstraße erinnerte ein Konsolstein mit einer „lustigen Fratze“ an diese frühe Theatertradition. Das Haus war damit eine der ersten festen Bühnenadressen der Stadt, noch bevor ein städtisches Theater im modernen Sinn entstand.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Komödienhaus jedoch baufällig. 1888 musste es geschlossen und wenig später abgerissen werden. Parallel hatte sich bereits 1885 ein Theaterverein gebildet, der sich für den Neubau eines zeitgemäßen Theaters einsetzte – ein Schritt, der die spätere Entwicklung des städtischen Theaterbetriebs vorbereitete.
Altes Stadttheater und Zerstörung 1945
Das neue Alte Stadttheater entstand an der Westlichen Karl-Friedrich-Straße 28 und wurde zum festen Mittelpunkt des Pforzheimer Bühnenlebens. Über Jahrzehnte prägten Intendanten wie Manfred Berben, der von 1975/76 bis 1996/97 am Theater wirkte, das künstlerische Profil der Stadt.
Im Zweiten Weltkrieg fiel auch dieses Gebäude der Zerstörung zum Opfer. Der verheerende Luftangriff am 23. Februar 1945 legte wie große Teile der Innenstadt auch das alte Stadttheater in Schutt und Asche. Damit endete eine Ära – und begann eine lange Phase des Ausweichens in provisorische Spielstätten.
Nachkriegszeit – Provisorien und Osterfeldschule
Erste Spielorte nach 1945
Bereits 1945 wurde in Pforzheim wieder Theater gespielt – wenn auch unter bescheidenen Bedingungen. Zunächst diente eine Turnhalle in Brötzingen als Ausweichbühne, danach folgten Aufführungen in Dillweißenstein. Die Stadt hielt am Theaterbetrieb fest, obwohl die zerstörte Innenstadt kaum geeignete Räume bot.
Ab 1948 zog das Theater in die Osterfeldschule im Stadtteil Brötzingen um. Nach dem Umbau der ehemaligen Knabenturnhalle fand dort am 11. September 1948 die erste Aufführung im sogenannten Kammerspielhaus statt. Die Osterfeldschule blieb über vier Jahrzehnte – bis 1990 – die Heimat des Pforzheimer Theaters und wurde so zu einem prägenden Kapitel der Nachkriegskulturgeschichte.
Vom Provisorium zum Kulturhaus Osterfeld
Während die Stadtverwaltung und andere Ämter nach und nach aus dem Osterfeld auszogen, blieb das Theater dort in Betrieb. Erst mit der Fertigstellung des neuen Stadttheaters am Waisenhausplatz endete diese provisorische Lösung. Die Osterfeldschule wurde anschließend wieder zur Schule umgebaut und beherbergt heute als Kulturhaus Osterfeld neben dem Schulbetrieb weiterhin kulturelle Angebote – ein Zeugnis der langen Doppelnutzung des Gebäudes.
Neubau am Waisenhausplatz (1990)
Architekturwettbewerb und Bauherrschaft
Der Neubau am Enzufer war das Ergebnis jahrzehntelanger Planungen. Bereits in den 1960er Jahren hatte ein Architektenwettbewerb Entwürfe für einen gemeinsamen Saalbau und Theaterneubau erbracht; der Pforzheimer Architekt Bodo Fleischer setzte sich damals durch, doch der Baubeginn verzögerte sich immer wieder – auch wegen Streitigkeiten um den Standort am Waisenhausplatz.
Schließlich wurde das heutige Theatergebäude 1990 nach Plänen Fleischers im Stil der Postmoderne errichtet. Die Ausführung übernahm das Architekturbüro Zeitler mit Ausschreibung, Bauleitung und Projektmanagement. Der Umbau umfasste einen umbauten Raum von rund 44.945 Kubikmetern auf einer Gesamtfläche von etwa 5.492 Quadratmetern; der Zuschauerbereich umfasst 1.065 Quadratmeter, der Bühnenbereich 622 Quadratmeter.
Ein neues Kapitel für die Goldstadt
Mit der Eröffnung des Neubaus am Waisenhausplatz erhielt Pforzheim erstmals seit dem Krieg wieder eine dem Anspruch einer Großstadt angemessene Theaterstätte – unmittelbar an der Enz und in enger Nachbarschaft zum später entstehenden CongressCentrum. Der Umzug aus der Osterfeldschule markierte den Übergang von der jahrzehntelangen Provisoriums- zur modernen Festspielstätte.
Theaterleitung und Organisationsmodelle
Intendanten und Nachkriegsneustart
Nach dem Krieg übernahmen in rascher Folge verschiedene Intendanten die Leitung: von Georg Sertel (1945/46) über Otto Friedrich Schöpf, Bodo Bronsky und Erich Schudde bis zu Franz Otto, der von 1951/52 bis 1959/60 am Theater wirkte. In den 1960er und 1970er Jahren folgten Horst Alexander Stelter, Harry Niemann, Peter Hanus Stöhr und Heiner Bruns, bevor Manfred Berben über zwei Jahrzehnte prägend Einfluss auf das Haus nahm.
Nach Berben leiteten Ernö Weil (1997/98–2001/02) und Georg Köhl (2002/03) das Theater, ehe sich die Organisationsstruktur grundlegend wandelte.
Das „Pforzheimer Theatermodell“ (2003–2015)
Nach der einjährigen Intendanz Georg Köhls 2003 wurde die Leitung des Stadttheaters nicht mehr einem alleinigen Intendanten übertragen, sondern einem Führungstrio: Generalmusikdirektor und Operndirektor Jari Hämäläinen, Verwaltungsdirektor Gustl Weber und Schauspieldirektor Jan Friso Meyer (2003/04–2007/08). In der Spielzeit 2008/09 bis 2014/15 übernahmen Murat Yeginer (Schauspiel), Uwe Dürigen (Verwaltung) und Wolf Widder (Oper) diese Dreifachspitze.
Dieses Arrangement wurde bundesweit als Pforzheimer Theatermodell bekannt – eine ungewöhnliche kollegiale Führungsstruktur ohne klassischen Intendanten. Mit dem Auslaufen der Verträge von Yeginer und Widder 2015 kehrte das Haus zur bewährten Doppelführung zurück: Verwaltungsdirektor Uwe Dürigen und künstlerischer Intendant Thomas Münstermann leiteten ab der Spielzeit 2015/16 wieder gemeinsam das Theater.
Quelle und Weblinks
Die historischen Angaben auf dieser Seite basieren auf der Recherche im Stadtwiki Pforzheim-Enz und einschlägiger Fachliteratur:
- Kurt Griguscheit: Beiträge zur Geschichte des Theaters in und um Pforzheim herum, Pforzheim 1987
- Joachim Becker: Theater für Pforzheim, Oktogon, Stuttgart/München 1990
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