CSD in Pforzheim – Christopher Street Day und queere Geschichte
Geschichte des Christopher Street Day in Pforzheim seit 2023: Spotlight Pforzheim, Pride Week, Teilnehmerzahlen und die regionale queere Geschichte vom Kaiserreich bis heute.
Inhaltsverzeichnis
CSD in Pforzheim
Der Christopher Street Day (CSD) in Pforzheim ist eine relativ junge Veranstaltung. Im Gegensatz zu Großstädten wie Berlin (erster CSD 1979) oder anderen baden-württembergischen Orten hat Pforzheim erst seit wenigen Jahren eigene Pride-Events.
Der Pforzheimer CSD ist ein junges, wachsendes Projekt seit 2023, das trotz lokaler Herausforderungen – politisches Klima, Gegenproteste – für Sichtbarkeit, Akzeptanz und Rechte queerer Menschen steht. Er entwickelt sich von einem reinen Fest hin zu Demo und Fest mit steigender Teilnehmerzahl. Hauptquelle und Organisator ist der Verein Spotlight Pforzheim e.V. (spotlight-pforzheim.de).
Beginn und Organisator
Erster CSD: 17. Juni 2023 auf dem Marktplatz in Pforzheim. Organisiert vom Verein Spotlight Pforzheim e.V. (früher Aidshilfe Pforzheim), einer Fachstelle für sexuelle Gesundheit, Selbstbestimmung und queere Themen.
Es gab keine große Parade, sondern ein Fest mit Ständen von Parteien, Organisationen und Vereinen, Regenbogenflaggen, Musik und Redebeiträgen. Schirmherrschaft übernahmen u. a. Dekanin Christiane Quincke (evangelische Kirche) und die Bundestagsabgeordnete Stephanie Aeffner (Grüne).
Die Organisatoren wollten bewusst Sichtbarkeit in einer Stadt schaffen, die als konservativ bzw. AfD-Hochburg gilt und wo queere Veranstaltungen zuvor rar waren. Es gab im Vorfeld Hasskommentare, weshalb Sicherheitsmaßnahmen nötig waren. Die Stimmung war dennoch fröhlich und solidarisch.
Weitere Jahre (2024–2026)
2024 – Zweiter CSD
Am 15. Juni 2024 fand der zweite CSD statt – mit Aufbau auf dem Erfolg des Vorjahres, Demo-Elementen und größerer Beteiligung.
2025 – Dritter CSD
Am 14. Juni 2025 unter dem Motto „Don't be quiet, be a riot!". Über 1.000–1.300 Teilnehmende bei der Demo. Es gab Gegenproteste (rechts und Antifa), die Polizei war mit großem Aufgebot vor Ort. Die Veranstaltung verlief weitgehend friedlich.
2026 – Vierter CSD
Am 13. Juni 2026 unter dem Motto „No pride for some without liberation for all. Ausgrenzung? Nicht mit uns!". Demo-Start auf dem Marktplatz, Route durch die Innenstadt, Bühnenprogramm, Pride Week mit Vorträgen (z. B. zur queeren Geschichte in Pforzheim und dem Schwarzwald). Wieder Gegenproteste von rechts angekündigt.
Teilnehmerzahlen
Die Veranstaltung ist noch jung und wächst stetig. Die Zahlen beziehen sich meist auf Demo und Fest zusammen (Angaben von Polizei, Veranstaltern oder Medien).
| Jahr | Erwartung | Tatsächliche Teilnahme |
|---|---|---|
| 2023 | ca. 200 Besucher (Organisatoren) | rund 1.000 Personen (über den Tag verteilt) |
| 2024 | – | rund 600 Teilnehmende (laut Rückblick 2025) |
| 2025 | – | über 1.000 (Organisatoren/Medien); Polizei: ca. 1.300 bei der Demo |
| 2026 | rund 1.300 (Vorfeld) | Polizei: ca. 1.400 bei der Parade/Demo |
Der CSD Pforzheim startete 2023 mit bescheidenen Erwartungen und hat sich schnell auf 1.000–1.400 Teilnehmende entwickelt – für eine mittelgroße Stadt eine solide Zahl, besonders angesichts des lokalen politischen Klimas und der Gegenproteste.
Hintergrund und Kontext
Spotlight Pforzheim betont, dass Pforzheim zwar für Schmuckindustrie, aber auch für queere Sichtbarkeit stehen soll. Es gibt eine Pride Week mit Begleitveranstaltungen (Vorträge im Stadtarchiv, Get-Ready-Aktionen u. a.).
Kirchen (evangelisch und katholisch) unterstützen mit Ständen und Segensangeboten. Die queere Geschichte Pforzheims reicht weiter zurück (Selbsthilfegruppen, private Treffen), aber öffentliche Großveranstaltungen wie der CSD sind neu.
Der Verein Spotlight organisiert dies als zentrale Kraft und setzt auf breite Bündnisse (Gewerkschaften, Parteien, Zivilgesellschaft). Eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung – ein Buch von Dr. Christian Könne im Stadtarchiv Pforzheim – ist im Entstehen.
Frühe Spuren (Kaiserreich bis Weimarer Republik)
Schon im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert gibt es Hinweise auf queere Netzwerke, Orte und Personen in Pforzheim und der Region (Nordschwarzwald: z. B. Bad Teinach, Calw, St. Blasien).
Wie in vielen Regionen Deutschlands existierten informelle Treffpunkte, private Zirkel und Solidaritätsnetzwerke – fernab der großen Metropolen wie Berlin. Dr. Christian Könne hat in seinem Vortrag 2026 erstmals systematisch Orte, Menschen, Gruppen und Aktivitäten beleuchtet und zeigt, dass queere Infrastruktur nicht nur in Großstädten entstand.
Nationalsozialismus und Nachkriegszeit
Queere Menschen (vor allem schwule Männer) wurden nach § 175 verfolgt. Es gab Verurteilungen und Schicksale in Pforzheim, die Könne u. a. in früheren Vorträgen thematisiert hat.
Nach 1945 blieb die Kriminalisierung (Paragraf 175) lange bestehen, was zu anhaltender Diskriminierung und Unsichtbarkeit führte.
1980er bis 2000er: Organisierte Hilfe und Szene
1985: Gründung der Aidshilfe Pforzheim (heute Spotlight Pforzheim e.V.) als Reaktion auf die AIDS-Krise. Der Verein wurde zur zentralen Anlaufstelle für queere Themen, sexuelle Gesundheit und Selbstbestimmung – verwurzelt in Zivilcourage und Solidarität.
In dieser Zeit entstanden Selbsthilfegruppen, Beratungsangebote und erste sichtbare Strukturen. Bis 2001 gab es in der Region weitere Aktivitäten und Netzwerke.
Ab 2010er Jahren: Queer Space und moderne Sichtbarkeit
2017: Start des Projekts Queer Space bei Spotlight – Beratung und Begleitung für lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und queere Personen sowie Angehörige.
2023: Erster öffentlicher CSD – ein Meilenstein für Sichtbarkeit in einer als eher konservativ geltenden Stadt.
Heutige Lage: Spotlight ist die zentrale Institution. Es gibt Pride Week, Bildungsangebote, Gedenkveranstaltungen (z. B. für NS-Opfer) und breite Bündnisse mit Kirchen, Parteien und Zivilgesellschaft. Gleichzeitig nehmen queerfeindliche Vorfälle und Gegenproteste zu (Rechtsruck, AfD-Stärke in der Region).